Ausgerichtet vom Lions Club Lebach um den erfahrenen 24 Stundenläufer Peter Wagner beginnt am Samstag mit 20 Minuten Verspätung der 1. Lions Club Benefiz Lauf. Unter den rund 430 Läufern waren doch immerhin 30 erfahrene und weniger erfahrene Ultraläufer, darunter Jan Oleinik, der die nationale Bestenliste anführt.
Vorhergesagt war bestes Wetter mit Temperaturen von maximal 25 Grad und trocken. Der Ort: das Leichtathletikstadion von Lebach mit einer Tartanbahn. Gewertet wurde nach internationalem Reglement mit Zielschuß: Bei 12-Stunden muss der Läufer auf der Stelle stehenbleiben, die Distanz zum Start / Zielpunkt wird dann mit Messrad ermittelt. Nur so ist die Distanz Bestenlisten fähig. Rein organisatorisch hatte ich vorgesorgt mit rund 10 Litern selbstgemixtem Kohlehydratgetränk, spezieller Elektrolytlösung und Salztabletten. Beruhigend für mich war, dass auch andere Läufer ihre z.T. sehr speziellen Mixturen dabei hatten. So Jan Oleinik, der spätere Gesamtsieger, der sich etliche Liter Getränk aber auch: Tomaten, Äpfel, Karotten und ein Pfund Gouda mitgebracht hatte. Auch mir sollte später Käse sehr helfen. Eine ganz neue Perspektive zur Fettverbrennung.
Schon auf der ersten Runde gesellt sich eine Läuferin, Birgit Bruder, zu mir, von der vorher geraunt wurde, sie sei eine der erfahrensten Ultraläuferinnen überhaupt, spezialisiert auf Trail-Ultraläufe. Und sehr bald war meine Marschroute über den Haufen geworfen. Wir waren sehr viel schneller als ich mir das eingeplant hatte. Auf meine Frage, ob sie denn Gehpausen mache, hieß es, zuerst mal laufen solange es geht und dann könne man auch mal eine Gehpause machen. Aha! Die Frage, wann der Zeitpunkt kommt habe ich mir dann erspart. Sowieso sind -passionierte- Ultraläufer ein ganz spezielles Volk. Birgit redet von 300 km in der Woche, so wie andere von 30 km und Ultraläufe unter 70 km und mit weniger als 1000 Höhenmetern sind eindeutig für Warmduscher. Je länger sie erzählte, wie es in der Ultraszene zugeht, umso kleiner wurde ich. Die Härte war, als ich nach 9 Stunden Hunger hatte, meinte sie, dann sei ich schlecht trainiert. Was so falsch ja nicht ist, denn da stehe ich buchstäblich am Anfang. Überhaupt kommentieren sich Ultraläufer ausgiebig, dabei halten sich Lob und Tadel die Waage, es ist eine Atmosphäre von Respekt und Fairness, die herrscht. Gleichzeitig ist selbst dann, wenn der Lauf als "locker" bezeichnet wird, der Ehrgeiz deutlich. Offensichtlich hat jeder noch eine Scharte auszuwetzen, eine Revanche steht an.
Meine Rundenzeiten bleiben sehr konstant und nach 4 Stunden habe ich einen Vorsprung von 4 km zum Plan. Was allen zu schaffen macht ist die Sonne, denn ab 10 oder 11 Uhr brennt die Sonne über dem Stadion, erst nach 17 Uhr wird es besser. Nicht nur mein Wetter war dies nicht, die meisten leiden, mehr oder weniger. Jedenfalls komme ich mit solchen Bedingungen nicht sehr gut zurecht. Geholfen hat mir ein Stirnband mit einem angesetzten Schirm. Mützen vertrage ich nicht.
Schon nach drei Stunden bin ich vierter der Männerwertung, meine Mitläuferin Birgit zweite der Frauen. So bleibt es denn auch noch sehr lange. Nach 8 Stunden habe ich 7 km Vorsprung zum Plan. Aber ich muss zur Toilette, alle müssen mal, aber danach habe ich einfach Hunger, ich esse zwei Käsestücke während Birgit ihre Runden zieht. Im Stadion läuft man sich ja ständig über den Weg, und dann kommt auch der Spruch, ich sei schlecht trainiert, weil ich Hunger habe. Aber was ist dann Oleijnik, der ja ständig isst? Nach dieser Pause komme ich nicht mehr so recht in Schwung, weil auch meine Frau mitläuft dient sie mir als Alibi, eine Gehpause zu machen. Die sollte an sich nur bis Stunde 9 dauert, wurde dann aber länger. Der Vorsprung schmilzt, aber noch sind die 100 km drin. Aber dann habe ich auch keine Motivation mehr, zu laufen. Fazit: wenn man einmal aufhört ist es ungeheuer schwierig, wieder den Anschluss zu finden. Beruhigend ist, dass auch die übrigen 12 Stunden Läufer Wehwehchen entwickeln, unrunder laufen oder Gehpausen machen. Auch Birgit, die ihren Stiefel weitergelaufen ist, macht dann ab Stunde 10 Gehpause, bis zum Schluss.
Ab Stunde 11 bin ich dann im Plan, aber es wird klar, dass ich so mein Ziel nicht mehr erreiche. Und mehr noch, mir fehlt einfach der Wille, das Rennen wieder auf zu nehmen. Motivationsprobleme. Die hat der Gesamt Zweite sicher nicht, denn er wird noch am Abend nach Sonthofen fahren um dann heute einen Ultratrail über 60 km und 4000 Höhenmeter zu laufen. Zwar lege ich dann noch mal eine Joggingsequenz ein von 20 Minuten, aber die Motivation gegen die Schmerzen in den Beinen anzukämpfen ist nicht mehr vorhanden. Die letzte Stunde gehen Birgit und ich dann brav zu Ende, bis zum Zielschluss. Ich will dann noch die letzte Runde beenden, und obwohl ich dann erstaunlich schnell laufe, reicht es nicht mehr und ich werde 5 Meter vor dem Rundenende "abgeschossen".
Das Ergebnis sind: 237 Runden mit insgesamt 95,1944 Kilometer. Das reicht für Platz 5 in der Männerkonkurrenz. Vor mir sind nur erfahrene Ultraläufer, mit z.T. mehreren hundert Ultras. Jan Oleijnik stellt eine neue deutsche Bestleistung auf mit 136, 62 km. Birgit Bruder wird zweite bei den Frauen mit 106, 37 km. Mit meinen 95,1944 km bin ich dann sogar in der nationalen Bestenliste für 2009 Fünfter in meiner Altersklasse. Alles egal, ich bin einfach nur froh, dass ich die 12 Stunden beendet habe.
Die nackten Randdaten: gelaufene Runden: 237, Gesamtkilometer: 95,1944; verbrauchte Kalorien: 7541; Pulsschnitt: 125; verbrauchtes Getränk: 6 Liter, Elektrolyt 2 Liter. Keine Blasen aber Muskelkater.
Auf meine Frage hin, wie lange Birgit denn jetzt regeneriert: Morgen. Am Montag steht dann zuerst mal ein lockerer 3-Stunden Lauf an. Na dann, so unterschiedlich sind Maßstäbe.
Ich werde jetzt das Ganze sich setzen lassen und in Ruhe überlegen, obb ich mir das noch mal antue.
Ein Standardmarathon ist auch gut!
Grüße
bleisocke