Langer Lauf.
Um kurz vor acht stand ich wieder auf der Piste. Es war kalt, die Sonne schien, aber es war noch fühlbar, dass es die Nacht über irgendwann geregnet hatte.
Für heute hatte ich mir noch mal die Heide vorgenommen, da, wo beim letzten Mal ein Schild auf eine mögliche Explosionsgefahr hingewiesen hatte. Seit heute sollte die Heide ja wieder frei belaufbar sein. An der Schranke angekommen, musste ich aber feststellen, dass die Strecke noch bis Ende Dezember explosiv bleibt... ein Durchgang ist weiterhin verboten. Hmm, meine übliche Samstagsstrecke hatte ich keine Lust, die ist nicht wirklich spannend und führt ein ganzes Stück an der Bundesstraße entlang, die ein Nadelöhr nach Berlin rein ist.
Also entschied ich mich, meine Sonntagsstrecke zu belaufen, die ist ja ca. 8 km lang, also hin und zurück macht meinen derzeitigen langen Lauf. Das klingt doch gut. Ich laufe langsam, aber entspannt. Während ich das Rauschen der Autos auf besagter Bundesstraße vernehme, wandern meine Gedanken zurück zu meinen Laufanfängen und zum Rauschen der Spreewogen

. Damals wohnten wir noch in Berlin "City" und meine übliche Laufstrecke hätte jedem Reiseführer ein Lächeln inst Gesicht gezaubert... Erst direkt am Spreeufer, am Haus der Kulturen vorbei Richtung Kanzleramt, rechterhand den Berliner Hauptbahnhof. Dann über die schöne Moltkebrücke, kurz dem Schröder zuwinken und rüber zum Reichstag. Dann verliert sich meine Erinnerung, ich glaube aber, dass ich dann irgendwann den Weg zurück am Schloss Bellevue vorbeilief und in Tiergarten noch ein wenig streckte.
Mittlerweile bin ich an einer Weggabelung angekommen. Nach rechts geht es weiter auf der Sonntagsstrecke, aber ich laufe so gut, ich bin heute mal eine richtige Querdenkerin, unangepasst in meinem Handeln... und wende mich nach links. Ganz neue Gefilde eröffnen sich mir.
Ok, erst einmal eröffnet mir sich das Ende des Fuß- bzw. Radwegs... mir bleibt nichts anderes übrig als direkt neben der Landstraße zu laufen auf unbefestigtem Gelände. Mann, gut, dass ich heute meine "Waldschuhe" anhabe bzw. das, was mir der Verkäufer als Waldschuhe verkaufte.
Ich laufe durch den Nachbarort. Der Ortsname ist mir bekannt, aber die Straßen, auf denen ich laufe, weniger. Da ich heute schön früh losgekommen bin, kann ich mir ein paar Verläufer leistern und laufe weiter geradeaus. Die Strecke wird immer industriegebietiger und es tun sich Mietskasernen auf, die ich hier irgendwie nun gar nicht vermutet hatte. Hallo, wir sind aufs Dorf gezogen, hier ist Heile-Welt-Einfamilienhaus-Idyll alngesagt, wo die Gartenzwerge den Vorgarten zieren und jeder weiß, was der andere tut und der Rasen mindestens jede Woche gemäht wird, damit bloß keine Unordnung aufkommt. Vllt. bin ich mittlerweile tatsächlich zu verwöhnt, aber so richtig geheuer ist mir die Gegend nicht, HIER würde selbst ich ungern einen Morgenlauf im Dunkeln starten. Es bleibt mir also nichts weiter übrig, als weiterzulaufen, denn für ein Zurück ist es mittlerweile zu spät.
Irgendwann komme ich tatsächlich auf eine mir bekannte Straße, hier fahre ich jeden Dienstag mit Sohnemann längs. Aber *Orientierungssinn, wo bist Du, wenn ich Dich brauche*, laufe ich erst einmal in die verkehrte Richtung.
Endlich zeigt sich "mein" Ortsschild, ich habe es fast geschafft. Von hinten höre ich exzessives Fahrradklingeln. Obwohl ich schon zur Seite springe, klingelt der Radfahrer fröhlich weiter. Ich denke noch bei mir, dass das wohl auch ein Tauber hören würde und wünsche mir selbst eine Fahrradklingel, die mich schon früh den sich auf dem gesamten Bürgersteig ausbreitenden Vorausgehenden ankündigt. Da sehe ich, dass der ältere Mann mit seinen 2 Dackeln vor mir trotz des unüberhörbaren Geräuschs nicht von der Stelle weicht. Er ganz rechts, Dackel 1 ganz links und Dackel 2 schön mittig platziert, lässt dieser sich nicht stören, so dass erst der Radfahrer und dann ich uns grummelnd an ihm vorbeischlängeln. Ja, Rücksicht ist doch was tolles.
Nun sind es nur noch ganz wenige Kilometer nach Hause. Ich überlege mir schon mal den Anfang für meinen Laufbericht

und mir fällt ein "Ich laufe, also bin ich"... dieser Titel schwirrte mir anfangs für mein Lauftagebuch vor, bevor ich feststellte, dass dieser Titel schon fast inflationär genutzt wird... okok, zumindest 2 TBs tragen schon diesen Namen, da wollte ich mich nicht dazu einreihen. Außerdem... definiere ich mich wirklich über die Fortbewegung? Wäre ich jemand anderes, wenn ich nicht laufen könnte? Ich glaube, ja. Jede Erfahrung prägt, und würde ich z. B. im Rollstuhl sitzen, dann hätte ich ein anderes Leben gehabt und wäre wohl tatsächlich nicht "ich", so wie ich jetzt bin.
So, nun habe ich langsam fertig. Unser Haus ist schon sichtbar, doch ein Blick auf meine App sagt mir, dass mir wieder nur wenige Meter zum nächsten vollen Kilometer fehlen. Also schleppe ich mich noch die Straße rauf und wieder runter und stürze mich meinem Mann k.o. in die Arme... ich habe es nicht nur, sondern ich bin auch geschafft

Also, heute bin ich aber sowat von "ich" gewesen

:
Startzeit: 07:48 Uhr
Distanz: 18,09 km
Dauer: 2:07:51 h
Durchschn. Geschw.: 8,49 km/h
Durchschn. Pace: 7:03 min/km
schnellster km: km 4 mit 5:46 min/km
langsamster km: km 11 mit 7:48 min/km
Und bei mir setzt ein verwegener Gedanke fest... ob ich schon reif für den HM bin? Der Berlin-HM findet ja immer Anfang April statt und wenn ich jetzt schon 18 km schaffe, dann müsste ich doch bis dahin...
ein büschn träumen ist ja erlaubt
