Marathon, ich bin tatsächlich einen Marathon wirklich (ohne große Einschränkungen – wie noch in Berlin) gelaufen. Drei Jahre laufen hat nun einen Marathon zum Ziel gehabt. Das tut richtig gut. Dass es dann noch ohne Schmerzen und mit einem Lächeln im Gesicht verlief, ist natürlich umso schöner. 42,195 km verbrachte ich in Hamburg mit einer tollen Stimmung und einer unvergessenen Erinnerung. Sicher gab es die ein oder andere Einschränkung wie Darmprobleme oder nicht wirklich ideales Laufwetter. Das spielt aber noch nicht einmal eine Nebenrolle: Es war einfach nur geil. Aber der Reihe nach:
Als wir aber um 6.30 Uhr am Bahnhof in Stade die ganzen Menschen mit den Kleiderbeuteln vom Marathon sahen, war sofort das Marathon-Gefühl da. Ja, auch dafür habe ich nun sechs Monate investiert. Es ging tatsächlich los. Im Zug noch die Bekannten vom Lauftreff "Sonntagsläufer" getroffen. Es passte irgendwie Alles. Das sollte auch irgendwie den ganzen Tag so bleiben.
7:40 kamen wir dann in Hamburg an. Ein kurzer Gang von den Landungsbrücken zum Läuferdorf auf den Heiligengeistfeld und nach einem kurzen Plausch fertig machen. Dazu gehört dann natürlich auch das obligatorische lange Anstellen an den netten Dixie – Toiletten. Ein Blick auf die Uhr verriet unerwartetes: Schon zehn vor neun.
OK, so blieb uns mindestens langes Warten erspart. Aufregung? Ja, wo war die denn eigentlich? Nur ständig spürte ich dieses Gefühl "Wie geil, ich bin tatsächlich hier".
Startschuss, ach nee auf der Reeperbahn ist ja Waffenverbot. Startglocken. Ich verkneif mir lieber jeglichen Kommentar von wegen albern oder so. Bereits nach neun Minuten liefen wir dann über die Startmatten. In Berlin durften wir über 20 min warten. Nicht nur das war besser in Hamburg (dazu aber später noch mehr). Ab gings. Puuuh, war schon schön warm. Von Anfang an war am Streckenrand super Stimmung und Anfeuerung. Zum Glück brauchte ich die nach einem km noch nicht. Ich fühlte mich super. Meine Wade mochte mich richtig doll. Die Stimmung lies sie dann komplett aus meinem Kopf verschwinden. Vorher hatte ich schon Bedenken, ob ich nicht unterwegs jedes normales "Ziepen" als Vorbote interpretierte. Meine Begeisterung über Alles war kaum zu kontrollieren. Es gibt Schlimmeres.
Ich hatte bei Greif.de mir eine Richtzeit von 4:15 Stunden heraus gesucht. Das bedeutet einen Schnitt von etwa 6 Minuten pro km. Da viele Läufer gerade am Anfang den Fehler machen, zu schnell los zu laufen, schlägt Greif zum Anfang ein etwas geringeres Tempo von etwa 6:07 min/km für die ersten ca. 15 km vor. Das schien mir auch angemessen und so lief ich dieses Tempo dann auch. Kurz vor km 10 war ich auf durchschnittliche 6:04, die ich dann aber nach km 12 wieder auf 6:09 verlor. Irgendwie war es ja auch so geplant. Sowieso liefen die ersten 10km super. Ich wollte ständig schneller laufen, weil es mir für einen Wettkampf einfach zu locker erschien. Ich hatte aber angesichts der Entfernung und der Temperaturen enormen Respekt und so beließ ich es bei dem Tempo. Nach km 12 erhöhte ich dann aber das Tempo.
Da ich auf jeden Fall genügend Trinken wollte, nahm ich bei jeder Verpflegungsstation (alle 2,5 km) ein bis drei Becher zu mir. So trank ich im Schnitt 0,3 Liter pro Verpflegungsstation. Bei 15 Stationen sind das stolze 5 Liter Flüssigkeit. Ich hatte aber nie das Gefühl, dass ich zu viel trank. Es war irgendwie genau richtig. Was mir später schlimmer erschien, waren meine Kohlenhydrategels. Aus der Leistungsdiagnostik wusste ich, dass ich etwa 13 Stück nehmen sollte. Ich entschied mich für 11. Schließlich gabs unterwegs ja nicht nur Wasser sondern auch kohlenhydrathaltige Getränke. Letztendlich nahem ich insgesamt acht davon und schwor mir und vor Allem meinem Magen, die Dinge nie wieder zu nehmen. Zum Schluss wurden sie richtig ekelig.
Die Verpflegungsstationen kosteten immer Zeit, obwohl ich sogar im Laufen trank. So gelang es mir nicht, mehr Zeit aufzuholen, obwohl ich richtig gut drauf war.
Das Einzige was mich so ein bisschen verunsicherte waren leise Meldungen meines Darmes und meiner langsam voll werdenden Blase. Warum ich nicht gleich zum Pinkeln ins Gebüsch ging, werde ich wohl nie erfahren.
Ich freute mich riesig auf km 25. Diesen erreichte ich ganz locker. Irgendwie wurde mir gerade so richtig bewusst "heute läuft alles super". Super Publikum, sensationelle Stimmung. Ich kann mich an keine Stelle erinnern, wo eine größere Lücke war, an der keine Menschenmassen jubelten. Ich hatte noch nie auf 42 km so oft Gänsehaut. Das war kein Vergleich zu Berlin. Auch blieb dieses furchtbare Gedränge in Hamburg aus, wo man ständig zum Überholen auf Bürgersteigen ausweichen musste, um nicht dauernd ausgebremst zu werden. Deshalb: Wer überlegt, ob er in Hamburg oder in Berlin laufen will, der sollte sich auf jeden Fall für Hamburg entscheiden.
Natürlich sind 42 km ein sehr lange Strecke. Bei längeren Strecken unterteil ich mir sie in Teilabschnitten. Zuhause wechsele ich Strecken ab 15 km ständig. Bei kürzeren Entfernungen greife ich meistens auf feste, bekannte Strecken zurück. So stellte ich mir dann bei km 27 die verbleibenden 15km als "meine" Strecke vor. Diese Strecke geht immer. Die Gewissheit wuchs, dass ich heute Sieger über diese Distanz werde.
Bei km 29 wollte meine Blase endgültig entleert werden. Offenbar bemerkte das auch mein Darm, der ganz plötzlich -weit entfernt von jeglicher Dixie-Toilettte- seinen Einfluss deutlich machte. So ein Sch.... (im wahrsten Sinne des Wortes). Zum Glück hatte ich Tempos mit und ein Gebüsch war in der Nähe. Durch diese beiden Besuche schnellte meine Durchschnittsgeschwindigkeit von 6:00 auf 6:10 hoch (Was etwa 4:20 Stunden bedeutet). Immer noch klasse. Leider kamen während der nächsten drei km weitere zwei Darmentleerungen (Einmal weiterer Busch, Einmal Dixieklo) dazu und meine Geschwindigkeit erreichte 6:22 (etwa 4:30 Std.). Danach waren aber diese Probleme absolut vorbei. Körperlich war das sicher eine Erleichterung. Aber auch vom Kopf war es beruhigend. Ich wusste, jetzt stoppt mich nichts mehr.
Bei km 35 hatte ich dann wieder ein Glücksgefühl. Heute war es einfach klasse. Ich traf dann noch Martin von den Sonntagsläufern und überholte ihn. Kurz nach der Verpflegungsstation überholte er mich dann wieder. Irgendwie hatte ich den Ergeiz, ihn einzuholen und wurde sogar noch einmal schneller (zwei km lang auf einen Schnitt von etwa 5:50). Als wir dann die treuen Anhänger der Sonntagsläufer (Vielen Dank für Eure Unterstützung!) bei etwa km 36 wieder sahen, riss aber der Kontakt zu Martin ab. Egal, er war zu schnell für mich.
Ab km 37 wurde es seltsamerweise richtig brütend. Für mich waren es gefühlte 30 Grad. Dazu kam dann diese nicht endende Steigung von etwa zwei km. Nun war wirklich beißen angesagt, wenn ich noch unter 4:30 bleiben wollte. Ich merkte, das wird richtig knapp. Dass ich diese Steigung schadlos und ohne eine Gehpause einzulegen schaffte, hatte eine ganz einfach Begründung: Jeder, der sich ein bisschen für Tour de France interessiert, kennt diese durch Menschenmassen verursachten engen Gassen bei den Alpen-Etappen, wo die Stimmung ohrenbetäubend ist. Genau so eine Stimmung war es an dieser Stelle in Hamburg. Die Menschen tobten vor Begeisterung und feuerten alle Läufer so an, dass man gar nicht gehen konnte (na klar, wieder Gänsehaut). Einfach Wahnsinn.
So hatte ich dann auch km 40 erreicht. Einfacher wurde es nicht. 200m weiter (also genau 2 km vor Ziel) war eine NDR - Bühne aufgebaut. Klar waren auch hier große Menschenmassen. Aus den Lautsprechern tönte "allways look on the brightside of life" und etwa 5.000 Menschen sangen mit. Nur um den Läufern zu helfen. Ich muss wohl nicht betonen, dass es ihnen hervorragend gelang. Das war der Gipfel der Stimmung. Ich kämpfte sogar mit Tränen. Danke Hamburg!
Bei dem Tor "letzter km" dachte ich, jetzt habe ich es gleich geschafft. Komischerweise (oder noch nicht so komisch?!)kam mir der letzte km länger vor als die vorherigen 10. Ich spürte, unter 4:30 Stunden wird, wenn überhaupt möglich, sehr knapp. Zum genau Ausrechnen war ich aber nicht mehr in der Lage. Also dachte ich "gib Gas". Nur, es ging nicht. Der Kopf wollte und war irgendwie bereit. Die Beine liefen auch. Das Tempo bestimmten aber sie ganz allein und ließen sich nichts mehr sagen. 500 m vor Ziel, bog ich dann in die Zielgeraden ein und sah das Zieltor. Es waren zwar unendliche 500m, aber als ich das Ziel dann doch erreichte, war ich nur noch glücklich, wenn auch total fertig. Es war tatsächlich geschafft. Ich konnte es gar nicht glauben. Für zu viele derartige Gedanken fehlte mir jedoch die Kraft. Ich nahm die Medaille entgegen und genoss die Stimmung.
Die Schinderei hat sich gelohnt. Ich bin nun ein echter Marathoni. Ein Traum ist in Erfüllung gegangen. Sicher, einige werden sagen "So besonders ist ein Marathon nun auch nicht". Für mich ist es aber die Krönung eines langen Weges. Ich reduzierte in den letzten Jahren mein Gewicht um 35 kg und schaffte von anfänglichen 2km nun 42,195 km in einer für mich tollen Zeit. Ja, ich bin stolz.
Wie es weiter geht? Lauf ich doch noch einen Marathon? Ich muss zugeben, dass ich (berücksichtige ich Berlin mit) mich nahezu ein Jahr auf das Thema Marathon vorbereitete. Natürlich machte ich mir häufig viel zu viel Druck. Das ist aber nun vorbei. Ich bin wirklich glücklich. Ich muss mir nichts mehr beweisen. Und dennoch reizen mich neuee Ziel: Marathon in 4:15 oder gar in 4.00 Stunden? Triathlon? Alles schöne Ziele für die Zukunft über die ich in Kürze sehr genau nachdenken werde. Kurzfristig will ich aber meine Halbmarathonzeit verbessern. Dazu werde ich wohl am 28. Juni beim Hella-Halbmarathon Gelegenheit haben. Darauf freue ich mich.