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Dein Lauftraining-Tagebuch

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Alt 27.10.2008, 11:41   Laufen ist Freiheit Beitrag #1
Lebensläufer
alle Macht dem Frühling
 
Benutzerbild von Lebensläufer
 
Registriert seit: 25.09.2008
Ort: zwischen Altbier und Kölsch
Beiträge: 3.111
Standard Laufen ist Freiheit

Angesichts der Aufgabe, meinen ersten Ultramarathon in Worte zu fassen und für das Forum einen Laufbericht zu schreiben, habe ich mich entschlossen, ebenfalls ein Tagebuch anzufangen. Vielleicht finde ich ja gefallen daran, über meine Läufe zu berichten, so dass in Zukunft noch die ein oder andere Erzählung hinzukommen wird.

Im Augenblick arbeite ich jedenfalls daran, den gestrigen Tag auf Papier zu bringen. Ich befürchte, es wird ein langer Bericht. So viele Gedanken geistern durch meinen Kopf und wollen festgehalten werden. Die Worte sprudeln nur so, dass die Finger auf der Tastatur kaum mitkommen.

Auch die Schmerzen in den Beinen lassen langsam nach. Ich muss aber gestehen, dass ich sowohl gestern abend als auch heute morgen jeweils eine leichte Schmerztabelle eingeworfen habe.
Es ist auf alle Fälle gut, dass ich mir wohlweislich für heute einen Tag Urlaub genommen hatte und nicht im Büro sitze.
Lebensläufer ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.10.2008, 11:47   Laufen ist Freiheit Beitrag #2
Thommy
Hetzt mich Nicht ...
 
Benutzerbild von Thommy
 
Registriert seit: 03.07.2007
Ort: zu Hause
Beiträge: 14.685
Standard

Na dann mal los ...

Anstatt den Bericht zu Papier zu bringen , würden wir ihn auch gerne hier am Bildschirm lesen
Thommy ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.10.2008, 12:05   Laufen ist Freiheit Beitrag #3
Die Biene
Ultra Biene ;)
 
Benutzerbild von Die Biene
 
Registriert seit: 20.08.2005
Ort: Remscheid
Beiträge: 6.962
Standard

Habe eben noch gedacht das es Schade ist das du hier kein Tb führst
Jetzt kann ich es an dieser Stelle nochmal richtig machen

Herzlichen Glückwunsch
Frank, auch du hast mich schwer beeindruckt, konntest ja noch im bergauf laufen meinen Namen rufen, fand das Klasse .... musste ansonsten nämlich immer auf meinen Spickzettel auf der Dose schaun um die Nummern zu vergleichen
Wäre gerne gestern noch bei euch sitzen geblieben, aber Marlon war schon etwas gelangweilt, er war ja seit Morgens mit mir auf den Beinen

Bist Super durchgekommen und ich freue mich sehr das ein großer wunsch in Erfüllung gegangen ist !
.... und ,nächstes Jahr wieder dabei?

Wünsche dir schnell regenerierte Knochen !
L.G
Biene
Die Biene ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.10.2008, 12:31   Laufen ist Freiheit Beitrag #4
Lebensläufer
alle Macht dem Frühling
 
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Ort: zwischen Altbier und Kölsch
Beiträge: 3.111
Standard

Hallo Biene,

vielen Dank für Deinen privaten Verpflegungsposten am Ende der Himmelsleiter. Die Begegnung (und das Kennenlernen) war zwar nur kurz aber trotzdem aufbauend.

Eine Wiederholung des Ganzen kann ich mir durchaus vorstellen, aber ob bereits nächstes Jahr halte ich eher für ausgeschlossen. (Zumindest habe ich das heute morgen meiner Frau gegenüber so gesagt...)

Viele Grüße,
Frank
Lebensläufer ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.10.2008, 12:39   Laufen ist Freiheit Beitrag #5
Die Biene
Ultra Biene ;)
 
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Beiträge: 6.962
Standard

Zitat:
Zitat von Lebensläufer Beitrag anzeigen
Eine Wiederholung des Ganzen kann ich mir durchaus vorstellen, aber ob bereits nächstes Jahr halte ich eher für ausgeschlossen. (Zumindest habe ich das heute morgen meiner Frau gegenüber so gesagt...)
.... warte mal die nächsten Tage ab, vielleicht denkst du dann wieder ganz anders

Habe das gerne gemacht, habe wirklich auch viele an der Strecke kennengelernt, meistens haben die Radbegleiter immer bei mir auf die Schützlinge gewartet

Die Biene ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.10.2008, 21:51   Laufen ist Freiheit Beitrag #6
Lebensläufer
alle Macht dem Frühling
 
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Ort: zwischen Altbier und Kölsch
Beiträge: 3.111
Standard Röntgenlauf 2008 - Teil 1

Geschafft, endlich ist er fertig, mein erster Laufbericht. Er ist etwas länger und sehr persönlich geworden, weil ich die Gelegenheit nutzen wollte, die vielen Gedanken, die mich beschäftigt haben, zu verarbeiten.



Vorgeschichte 1

Als ich 2003 beim Röntgenlauf über die Marathondistanz nach 3 Std. 53 erschöpft im Eschbachtaler Freibad das Ziel erreichte, war die Vorstellung, noch einen Halbmarathon dranzuhängen, eine völlig abwegige. Respektvoll schielte ich damals zum Verpflegungstisch für die Ultras rüber und Bewunderung, aber auch ein gewisser Neid, begleitete die vereinzelten Läufer mit ihren 6000er Nummern auf ihrem weiteren Weg.
Ich weiß nicht mehr, ob ich zu dem Zeitpunkt schon dachte: „Irgendwann läufst du auch die ganze Runde“. Aber ich denke, irgendwie war das Samenkorn in dem Moment bereits gesät, der Wunsch unterschwellig geboren.

Einige Zeit ist seitdem vergangen, weitere Marathons wurden gelaufen. Hinzu kommt, dass ich seit 3 Jahren meinen Arbeitsplatz in Bergisch-Born habe, da wo der Röntgenlauf kurz hinter Km 47, nach dem langen Anstieg hoch von der Eschbachtalsperre, die B51 quert. Mein Arbeitsplatz ist in dem Gewerbegebiet, das vom Röntgenlauf zwischen Km 48 und Km 49 tangiert wird; und von meinem Schreibtisch blicke ich jeden Tag unweigerlich auf diesen Streckenabschnitt. Dies und die Tatsache, dass ich schon einige Male nach der Arbeit zum Laufen an die Eschbachtalsperre (Röntgenlauf-Km 44 – 46) gefahren bin, ließen zwangsläufig das vor 5 Jahren ins Unterbewusstsein gepflanzte Samenkorn keimen. „Hier mal herlaufen und als Ultra im Hackenbergstadion ankommen“; immer öfters und drängender kam der Gedanke, nistete sich wie ein Mantra in meinen Kopf ein.


Vorgeschichte 2

Anfang dieses Jahres war es dann soweit. Die Zeit schien endlich reif für eine neue sportliche Herausforderung. Ich hatte zwar schon 2007 irgendwann mal davon gesprochen, den „langen Kanten“ zu laufen; die Idee aber später dann doch wieder verworfen, da ich mich nicht ausreichend vorbereitet fühlte. Wenn schon die 63,3 km dann nur mit dem – zumindest subjektiv – „sicheren“ Gefühl, im Bereich 6 Std.15 finishen zu können.

Also nahm ich mir für 2008 vor, im Vorfeld mehr als die bislang üblichen 2 Marathons im Jahr zu laufen (es waren letztendlich 4), eine durchschnittliche Laufleistung von 70 Wochenkilometern anzustreben und letztendlich erst mal abzuwarten, wie sich das Jahr so entwickeln würde.
Der Wille war also da. Trotzdem scheute ich mich, Nägel mit Köpfen zu machen und mich frühzeitig anzumelden. [Bin halt ein Spätanmelder, da ich immer davon ausgehe, dass noch etwas dazwischen kommen könnte. Also wird die eigentliche Anmeldung immer so weit wie möglich hinausgezögert (auch wenn ein Start schon längst beschlossene Sache ist)]

Bist du fit? Hast du ausreichend lange Läufe gemacht, genügend Kilometer gesammelt? Diese oder ähnliche Fragen gingen mir im Laufe des Sommers immer wieder durch den Kopf. Letzte Gewissheit und Sicherheit sollte Ende September der Hochsauerland-Waldmarathon in Bestwig bringen (immerhin eine Strecke mit insgesamt über 800 Höhenmetern). Aus dem vollen Training heraus gelaufen, zurückhaltend gestartet, dafür aber mit „Beschleunigung“ auf der 2. Runde, kam ich lächelnd und mehr als zufrieden nach 3 Std. 49 ins Ziel. Der Test war gelungen, die Entscheidung damit gefallen. 2 Tage später wurde die Anmeldung online abgeschickt und mit der mir zugeteilten Startnummer 6359 war klar: Meinem ersten Ultramarathon stand so gut wie nichts mehr im Wege.
Jetzt galt es nur noch die Trainingsumfänge hoch zu halten, als rheinischer Flachlandläufer im Bergischen Land den einen oder anderen Höhenmeter zu trainieren und vor allem gesund zu bleiben. Und Antworten zu finden auf Fragen wie „Ob das wohl gut geht?“ , „Welche Zielzeit ist realistisch?“ oder „Wie klappt das mit den ungewohnten Steigungen?“ In einer bis dato nicht bekannten Intensität begann dieses besondere Gemisch aus freudiger Erwartung und unterschwellig nagenden Zweifeln Besitz von mir zu ergreifen.


Sonntag 26. Oktober – Der Traum soll Wirklichkeit werden

Es ist so weit. Endlich! Was habe ich diesem Tag entgegengefiebert. Im Startbereich herrscht die übliche hektische Betriebsamkeit. Aufgeregtes Gewusel unzähliger Läufer und Läuferinnen, so wie man es bei jeder Laufveranstaltung dieser Größenordnung erlebt. Erwartungsfrohes, nervöses Stimmengewirr all über all.
Das Wetter? Hervorragend. Die ganze Woche war für heute Regen prognostiziert worden. Und jetzt lässt sich das schlechte Wetter doch noch Zeit, schenkt uns trockene Bedingungen bei lauffreundlichen Temperaturen. Sogar die Sonne lässt sich blicken. Nur auf den Höhen bläst ein frisches Lüftchen.

Die Foris (außer mir noch Anett mir ihrem Mann Ulf, Hans der Tiger, Dirk aus Berlin, Wilbert, Ralph (Hornwal) sowie Feierabendjogger Tobi) treffen sich an der vereinbarten Bushaltestelle. Wir bewundern alle Dirks mutiges Outfit – kurze Hose und Singlet (beides orangefarben). Zumindest vom äußeren Erscheinungsbild her sieht das schon mal verdammt schnell und ambitioniert aus.
Einige Minuten vor dem Start verteilen wir uns in dem riesigen Starterfeld. Zusammen mit Anett und Ulf quetsche ich mich irgendwo in die Mitte. Doch in der großen Menschenmenge verlieren wir uns rasch aus den Augen. Die letzten Sekunden werden rückwärts herunter gezählt und punkt 8.30 Uhr setzt sich der Lindwurm in Bewegung. Sofort geht es durch ein Wohngebiet die erste Steigung hoch. Ohne besondere Eile „schwimme“ ich in der Masse mit. Nichts drängt mich, heute habe ich Zeit – sehr viel Zeit. In einer Schleife werden wir durch die Lenneper Altstadt geführt und dann wieder zurück zum Start, von wo aus uns die Stecke nun endgültig in die herbstliche Natur entlässt. 63 Kilometer über windige Höhen, durch schmale, dicht bewaldete Täler, entlang an lauschigen Bächen.

Dichtgedrängt laufen die Menschen auf den teilweise recht schmalen Wegen. Hochkonzentriert muss man aufpassen, nicht ins Stolpern zu geraten. Auch der unebene, teilweise steinige und meist mit rutschigem Laub bedeckte Untergrund verlangt höchste Aufmerksamkeit.

Kurz hinter der zweiten Verpflegungsstelle spricht mich plötzlich ein anderer Läufer an. Er trägt ebenfalls einen Lauf-/Trinkrucksack. Ich hatte ihn schon etwas länger immer wieder in meiner Nähe registriert. Uwe heißt er und kommt aus dem Wendland. Auch für ihn ist dies der erste Ultramarathon. Wir kommen ins Gespräch und da wir das gleiche Tempo laufen, ist uns rasch klar, dass wir versuchen wollen, so lange wie möglich zusammen zu bleiben.

So vergeht die Zeit. Zuschauer stehen in der Regel nur an den Verpflegungsposten oder an jenen Stellen, wo Straßen gekreuzt werden müssen. Ansonsten Natur pur.

Ehe man sich versieht ist das Halbmarathonziel am Clemenshammer erreicht. Hier unterbricht ein kurzes Stück asphaltierte Straße die holprigen Waldwege. Viele Zuschauer säumen auf der linken Seite den abgesperrten Abschnitt. Ich habe keine Zeit die Stimmung aufzunehmen. Ein auf einer Trage liegender junger Läufer zieht meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Er liegt mitten auf der Laufstrecke. Mehrere Sanitäter kümmern sich um ihn. Im Vorbeilaufen kann ich kurz erkennen, dass er sich übergeben hatte und bewusstlos ist. Ein weiterer Sanitäter rennt uns mit einem Infusionsbeutel in der Hand entgegen. Doch schon muss ich mich wieder nach vorne konzentrieren. Kurz hinter den Matten für die Zeitmessung biegt die Strecke nach rechts ab und sofort sind wir wieder auf einem schmalen Waldweg. Der kurze Trubel liegt hinter uns, es wird schlagartig ruhiger. Das Teilnehmerfeld vor uns ist jetzt deutlich ausgedünnt. Das 1. Drittel ist geschafft; 2 Std. 06 – langsamer als ich mir ursprünglich ausgerechnet hatte. Aber ich will nichts erzwingen; meine Erfahrung sagt mir, dass das die bisherige Tempowahl richtig war. Ich fühle mich gut und locker.

Hinter Km 27 will eine Arbeitskollegin auf mich warten. Sie wohnt in unmittelbarer Nähe und hatte mich gefragt, wann ich wohl vorbeikommen würde. Im letzten Augenblick sehe ich sie. Freudestrahlend begrüßen wir uns. Ich bin gerührt, dass sie sich tatsächlich wegen mir an die Strecke gestellt hat.

Unverändert geht es geht ständig auf und ab. Wir laufen weit oberhalb der Wupper unter der Müngstener Brücke her. Sie feiert dieses Jahr ihren 111. Geburtstag. Leider lässt sich in diesem Augenblick keine Dampflok blicken. Dafür können wir an der nächsten Verpflegungsstation durch die Bäume hindurch den Burgfried und die Mauern von Schloss Burg sehen. Hier, kurz vor Km 34, machen Uwe und ich eine etwas längere Rast. Ich nutze die Gelegenheit, meine langärmelige Jacke gegen eine in meinem Rucksack mitgeführte Weste zu tauschen. Und schon geht es frohen Mutes weiter.

Mehrere Kilometer verläuft jetzt die Strecke durch das idyllische Eschbachtal, an dessen Ende das Freibad liegt. Hier ist das Marathonziel und entsprechend viel los. Kurz vor der Weiche, wo die Marathonis nach rechts und die Ultras nach links weitergeleitet werden, dreht sich Uwe um. Er ist in dem Moment einige Meter vor mir. Will er auf mich warten oder weiß er nicht wo es weitergeht? Ich zeige nach links und gemeinsam folgen wir der Beschilderung für die Ultras. Ab jetzt sind wir „Könige“, „Sieger“, jeder weitere Meter ein neuer, persönlicher Erfolg. Bewundernder Applaus der Zuschauer begleitet uns. (Uwe hat mir später in der Umkleide gestanden, dass er ohne meine Präsenz wohl ausgestiegen wäre. Lediglich mein Fingerzeig nach links hätte ihn davon abgehalten) Durchgangszeit für das zweite Drittel: 2 Std. 11. Angesichts des Streckenprofils keine nennenswerte Verschlechterung.
Lebensläufer ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.10.2008, 22:04   Laufen ist Freiheit Beitrag #7
Lebensläufer
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Standard Röntgenlauf 2008 - Teil 2

In einen Beitrag passen leider nur 10.000 Zeichen…


An der Verpflegungsstelle im Freibad verweilen wir wieder einige Minuten. Uwe sieht fertig aus; wie ich aussehe möchte ich erst gar nicht wissen. Doch wir schaffen es, uns wieder in Bewegung zu setzen.
Wir passieren den Parkplatz, von wo aus die Marathonis mit dem Bus zurück zum Hackenbergstadion gebracht werden. Hier habe ich vor 5 Jahren auch gestanden. Jetzt laufe ich mit stolz geschwelter Brust an den Wartenden vorbei.
Kurze Zeit später unterqueren wir in einem Tunnel die Autobahn A1 und haben die Staumauer der Eschbachtalsperre vor uns. Wie die Eiger Nordwand versperrt sie uns den Weg. Rechts geht’s hoch. Der steile Weg mündet in eine Treppe. Jede Stufe einzeln schleppen wir uns höher. Nach einigen Metern ein weiterer, kurzer Anstieg und wir befinden uns oberhalb der Wasserfläche. Hier gönnt uns die Strecke eine kurze Verschnaufpause. Für etwa 2 km bleibt der breite Waldweg auf gleichbleibender Höhe, bis bei Km 46 der Beginn der „Himmelsleiter“ erreicht wird – ein Anstieg, der sich einen Kilometer elendig lang hinzieht. Uwe kann nicht mehr. Er ist gezwungen zu gehen. Ich laufe – besser gesagt „trabe“ – weiter. Wir hatten uns vorher schon signalisiert, dass irgendwann der Punkt kommen würde, wo jeder sein eigenes Ding machen muss. Jetzt, nach weit über 30 gemeinsamen Kilometern, scheint dieser Punkt gekommen zu sein. Uwe bleibt zurück. Ich muss weiter, will nicht anhalten, will diese verdammte Steigung laufend bezwingen. Mit kurzen Schritten kämpfe ich mich die lange Rampe nach oben; langsam aber schnell genug, um die hier „nur noch“ walkenden Läufer zu überholen. Oben am Gipfel angekommen, erspähe ich Biene. Sie hatte ja angekündigt, hier auf die Foris zu warten. Ihr Sohn, mit dem roten Forum-T-Shirt bekleidet, hüpft von einem Bein auf das andere. Ich rufe schon von Weitem ihren Namen. Ein Blick auf meine Startnummer hilft ihr, mich zu identifizieren und schon höre ich wie sie sagt: „Da kommt ja der Frank“. Ich bleibe stehen. Kurzes Hallo und ein Griff in die angebotene Schokoladenkiste. Dass die anderen Foris schon alle durch sind, ist mir natürlich klar. Doch als mich Biene fragt, ob ich Hans gesehen hätte, bin ich überrascht. Er ist noch nicht aufgetaucht. Ich muss ihre Frage verneinen. Er kann nur ausgestiegen sein, anders ist das nicht zu erklären. Biene und ich verabschieden uns und weiter geht’s.

Kurze Zeit später, nach einer weiteren Trinkpause, taucht linker Hand das Gewerbegebiet von Bergisch-Born auf. Aus ungewohnter Perspektive sehe ich mein Büro. Ich registriere es nur im Unterbewusstsein. Mein Kopf ist zu leer, als dass ich mir jetzt irgendwelche tief schürfenden Gedanken machen könnte. Eine kleine Steigung führt uns durch eine bäuerliche Ansiedlung. Es riecht nach Kuhstall und Misthaufen. Dahinter verläuft die Strecke als matschiger Trampelpfad über eine Wiese. Nun ist der Moment gekommen, wo ich mir meinen MP3-Player ins Ohr stöpsel. Rockmusik muss ab jetzt mithelfen, die letzte Energie freizusetzen. Ich fühle mich nicht gut. Für einen Augenblick befürchte ich, dass mein Magen anfängt zu rebellieren. Doch gottseidank beruhigt sich alles wieder. Die 50 Km-Marke taucht plötzlich auf. In der Einsamkeit ertönt das bekannte Piepsen der Zeitmessung. Einige 100 Meter können wir jetzt auf ebenem Asphalt laufen. Sofort wird der Laufstil wieder flüssiger.

Beim nächsten kleineren Anstieg ein überraschender Rückschlag. Wie aus dem Nichts fängt meine Oberschenkelmuskulatur auf der Innenseite langsam aber stetig an dicht zu machen. Jeder weitere Laufversuch ist zwecklos. Ich muss abbrechen. Mit langen, staksigen Schritten gehe ich den Hügel hoch. Glücklicherweise lösen sich die Verkrampfungen, sobald ich im flacher werdenden Gelände wieder behutsam anfange zu laufen. So verfalle ich ab sofort bei jedem steileren Stück in den Wanderschritt. Die Kraft zum Laufen wäre da, aber die Muskeln streiken einfach. Trotzdem habe ich den Eindruck, flott voran zu kommen. Entgegen meinen Befürchtungen ist das letzte Drittel einfacher zu laufen als gedacht. Es gibt zwar ein paar Kuppen, die man erklimmen muss, doch dazwischen ist es ansonsten überwiegend flach; nicht mehr das permanente Auf und Ab wie vorher. So kann ich immer wieder einen „dynamischeren“ Schritt versuchen. Aber auch dem sind Grenzen gesetzt. Ich merke, dass meine rechte Wade ebenfalls angeschlagen ist und bei jedem falschen Schritt zu verkrampfen droht.

Zwischen Km 54 und 55. Der sich dahinziehende Weg verlässt ein Waldstück und führt in einer sanften Steigung durch Felder. In der Ferne sehe ich Häuser stehen. Das muss „Eierkarl“ sein. Wieder werde ich nach einer Arbeitskollegin Ausschau halten. Direkt an der Straße befindet sich ein Restaurant, wo sie über Mittag eingeladen ist. Ursprünglich hatte ich mir ausgerechnet, um 14 Uhr hier zu sein. Doch jetzt bin ich später dran. Wird Christiane noch da sein? Tatsächlich, da vorne steht sie mit ihrem Mann. Wieder bin ich emotional berührt, ein bekanntes Gesicht zu erblicken. Beim Näherkommen hebe ich die Hand. Wer weiß, ob sie mich sonst erkennen würde. Der Jubel ist groß. Ich merke, wie beide sich ehrlich freuen, dass ich es tatsächlich bis hierin geschafft habe. Doch der eingeschaltete Autopilot verhindert, dass ich anhalte. Ich laufe vorbei, klatsche ab und keuche nur: „Ich kann jetzt nicht stehenbleiben.“ Ohne Umzudrehen renne ich weiter, quere eine abgesperrte Landstraße und verschwinde wieder im Wald. Weiter, immer nur weiter.

Bald darauf wird die Wuppertalsperre erreicht, an deren Ufer es rund 5 km entlanggeht. Ich schaue weder nach rechts noch nach links. Spule wie am Fließband die restlichen Kilometer ab. Am letzten Verpflegungsstand bleibe ich noch einmal stehen und will reflexartig einen Becher warmen Tee greifen. Doch ehe ich mich versehe, weckt mich ein Helfer mit dem Ruf „Vorsicht, das ist Bier“ auf. Oh Gott, das hätte noch gefehlt! Alkohol ist das letzte was ich 3 Kilometer vor dem Ziel noch gebrauchen kann.
Ab hier geht es auf einer Straße das letzte Stück am Stausee entlang. Von links kommen die letzten 10 km-Läufer. Noch einmal versuche ich zu beschleunigen und erreiche kurze Zeit später den letzten steilen Anstieg. Wie gerne würde ich jetzt diesen Berg hochlaufen. Doch ich probiere es erst gar nicht – hätte eh keinen Sinn. Stattdessen versuche ich kraftvoll zu marschieren, setze schwungvoll die Arme ein. Jetzt bloß nicht schleichen; gleich ist es geschafft. Oben angekommen, lass ich es wieder rollen. Nur noch 1 Kilometer!

Doch plötzlich ein gequältes Stöhnen. Ein stechender Schmerz durchzuckt meine rechte Wade. Jetzt ist es doch noch passiert – Wadenkrampf! Und das kurz vor dem Ziel. Ich geh’ in die Knie, setze mich hin. Jemand bleibt stehen und hilft mir, den Unterschenkel zu dehnen. Wertvolle Minuten verrinnen. Nach einer Weile löst sich der Krampf. Langsam stehe ich auf, habe Angst vor dem nächsten „Messerstich“. Doch oh Wunder, nichts passiert. Vorsichtig fange ich wieder an zu traben. Nur noch wenige 100 Meter. Schon biegt die Strecke nach links ins Hackenbergstadion ab. Auf beiden Seiten stehen, dicht gedrängt, Beifall klatschende Menschen. Noch eine Rechtskurve und der Zielbogen liegt vor mir. Ich registriere kaum, wie der Zielsprecher meinen Namen nennt. Ich balle die Fäuste. Doch die Arme triumphierend hochzureißen, gelingt mir nicht. Kein Jubelschrei kommt mir über die Lippen. Emotionslos und stumm überquere ich die Ziellinie. Ich bin angekommen; bin da, wo ich hin wollte, hin musste. Ich lächle, aber richtige Freude kommt irgendwie keine auf. Apathisch und erschöpft lasse ich mir die Medaille umhängen. Ein Mädchen streift mir einen Plastikumhang als Wind- und Kälteschutz über. Automatisch greife ich mir einen Becher Cola und blicke etwas verwirrt umher, versuche das Geschehen um mich herum zu realisieren. Das war’s, es ist tatsächlich zu Ende! Überrascht stelle ich fest, dass es plötzlich angefangen hat zu nieseln. Mit 2 Std. 14 blieb der erwartete große Zeitverlust im letzten Drittel überraschenderweise aus.

Geändert von Lebensläufer (29.10.2008 um 22:28 Uhr)
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Alt 29.10.2008, 22:06   Laufen ist Freiheit Beitrag #8
Lebensläufer
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Beiträge: 3.111
Standard Röntgenlauf 2008 - Teil 3

Und hier kommt der Rest.


Langsam gehe ich durch die vielen Leute Richtung Kleiderdepot und Umkleide. Ich werfe einen Blick auf meine Uhr. Ein anderer Sportler überholt mich währenddessen und fragt nach meiner Zeit. „6 Std. 32“ Kommentarlos geht er vorbei. War ich ihm zu langsam? „Blödmann“ denke ich und schleiche weiter.
In der Turnhalle greife ich mir meine Sporttasche und krame als erstes mein Handy hervor. Der Anruf gilt meiner Frau. So schnell wie möglich soll sie erfahren, dass ich das Abenteuer gesund und aus eigener Kraft überstanden habe.

In der Umkleide angekommen, schäle ich mich schweigend aus meinen verschwitzten Klamotten. Mein müder Körper ist froh über das warme Wasser. Als ich aus der Dusche rauskomme, sehe ich, dass sich – welch netter Zufall – mein Mitläufer Uwe direkt neben meinen Sachen umzieht. Auch er hat es geschafft. So sehen wir uns noch mal wieder und können uns gegenseitig beglückwünschen, bevor sich unsere Wege endgültig trennen.
Ich schleppe mich in die angrenzende Mehrzweckhalle. Sie ist zum Bersten voll; es laufen gerade die verschiedenen Siegerehrungen. Ich suche die Foris. Tatsächlich finde ich sie in dem Gewühl. Ich setze mich dazu, erkundige mich nach den Ergebnissen und bewundere die schnellen Zeiten. Abgekämpft und irgendwie teilnahmslos hänge ich mitten in dem lauten Trubel auf meinem Stuhl.
Schon bald verabschiede ich mich, wünsche allen eine gute Heimfahrt und mache mich auf den Weg nach Hause. Hab’s ja nicht allzu weit. Geruhsam rolle ich über die Autobahn. Ich empfinde eine tiefe Leere. Merkwürdig, ich habe meinen ersten Ultra gefinisht, ein langgehegter Wunsch hat sich erfüllt, ein oft geträumter Traum wurde Wirklichkeit und ich spüre weder Euphorie noch Zufriedenheit. Ich spüre nichts; kein Glücksgefühl, gar nichts. Da sind nur eine bleierne Müdigkeit und natürlich diese verdammt schmerzenden Beine, die mich daran erinnern, dass ich heute zum ersten Mal in meinem Leben mehr als 42,2 Kilometer gelaufen bin.
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