Hallo!
Ich verbringe jedes Jahr meinen Urlaub in Kenia. Ich kenne das Land mittlerweile ziemlich gut, ich war nicht nur in Mombasa und Nairobi, sondern kenne mich mittlerweile auch ganz gut in der Provinz und den diversen Nationalparks aus.
Da ich auch gerne laufe, habe ich mir dieses Jahr überlegt, mal ein Lauftraining vor Ort zu machen. Jeder weiß, die besten Läufer der Welt kommen aus Kenia und es wäre sicher ein tolles Erlebnis, mal mit diesen Läufern zu trainieren. Von 4 Wochen Urlaub wollte ich 2 Wochen für ein Lauftraining verwenden, auch um ein paar überflüssige Pfunde loszuwerden, was ich in Deutschland einfach nicht schaffe. So habe ich mich in den ersten 2 Wochen meines Urlaubs in Kenia ein bißchen umgehört und einer meiner kenianischen Bekannten hat mir den Kontakt zu einer Laufgruppe aus Kisumu vermittelt. Telefonisch habe ich vereinbart, dass ich pro Tag 5000 KSH bezahle (ca. 50 Euro) alles inklusive, also private Unterkunft, Verpflegung, Transportkosten vor Ort, Teilnahme am Training usw. Bezahlung jeweils nach einer Übernachtung. Angedacht waren 14 Tage jedoch mit dem Recht meinerseits, das Ganze vorzeitig zu beeenden.
Genaueres haben wir nicht vereinbart.
So bin ich nun von Nairobi mit der Buslinie easycoach für ca. 10 Euro nach Kisumu gefahren. Ich hatte vereinbart, mich mit der Gruppe in Kisumu im Moi-Stadion zu treffen. Ich wollte mir das Ganze erst mal anschauen und auch erst mal das Privatquartier anschauen und je nach Eindruck doch ein Hotel zu nehmen.
Ich kam also um ca. 15 Uhr mit dem Bus in Kisumu an, habe bei easycoach erst mal meine Koffer in Verwahrung gegeben und habe mich zum Stadion durchgefragt. Um 16 Uhr war das Treffen im Stadion abgemacht.
Ich kam schon um 15 Uhr 30 an vor dem Stadion und war echt geschockt. Vor dem Stadion riesige Müllberge und das Stadion lud schon von Weitem nicht gerade dazu ein, näherzukommen. Aber was solls, ich ging rein und wurde von einer Gruppe Frauen im mittleren Alter freudig begrüßt, die sich gerade auf ihr Training vorbereiteten. Allerdings nicht Laufen, sondern Tauziehen. Nachdem mir eine Frau erklärte, dass sie mich liebe und ich ihr daraufhin fröhlich zulächelte, begann die Gruppe erstmal mit dem Training.
Ein paar Fußballspieler waren auch noch auf dem Rasen bzw. was man da so Rasen nennt. Der "Rasen" ist nicht grün, sondern eher weiß, stoppelig, extrem uneben. Die Laufbahn im Stadion ist auch in erbärmlichem Zustand. Keine Tartanbahn, sondern eine Aschenbahn. Insgesamt sieht das Stadion aus, als wäre es verrostet, irgendwie 10 Jahre unter Wasser, dann wieder aufgetaucht. Die Sitzbänke im Stadion sind größtenteils marode. Ok, ich war ja schon öfter in Kenia, aber so ein marodes Stadion habe ich dann doch nicht erwartet. Das Moi-Stadion ist ja immerhin das einzige Stadion in Kisumu und Kisumu ist immerhin eine der größten Städte in Kenia, ich glaube die drittgrößte.
Ok, fast pünktlich für Kenia um 16 Uhr 30 trudelten die Läufer der Laufgruppe (6 Leute plus Trainer) ein. Alle waren sehr freundlich und froh über meinen Besuch. Sie hatten noch nie mit einem Weißen (mzungu) trainiert. Sie fragten mich, wie mir das Stadion gefiele, es sei gerade frisch renoviert worden. Da musste ich jetzt aber doch schlucken und habe mich darauf konzentriert, meine Laufsachen anzuziehen.
Wir haben dann angefangen, im Stadion unsere Runden zu drehen. Bei ca. 25 Grad, ca. 1200 Meter Höhe habe ich 10 Runden im Tempo von ca. 10 km/h mitgehalten. Die Gruppe hat dann noch ca. 10 weitere Runden ohne mich gedreht, bevor wir ein wenig Gymnastik machten. Jeder aus der Gruppe machte eine Übung vor, die anderen machten es nach. Danach hat der Trainer die Gruppe noch mal 10 Runden um den Platz gejagt, jede Runde in 58 Sekunden, dann eine Runde Auslaufen in 2 Minuten, dann noch mal in 58 Sekunden. Wenn einer aus der Gruppe etwas langsamer war, wurde die Runde nicht gewertet und die ganze Gruppe musste die Runde nochmal laufen. Ich selbst habe das Ganze nur aus der Ferne betrachtet und einen halben Liter Wasser in gefühlen 5 Sekunden runtergespült. Nachdem die Gruppe mit den 10 Runden fertig war, kamen sie zu mir und ich konnte ich mit ihnen erstmal richtig unterhalten. Der Trainer ist vom Volksstamm der Kalenjin, woraus die meisten guten Läufer stammen. In Kenia gibt es aber insgesamt 42 Stämme, das Land wurde künstlich am Reißbrett gebildet, was auch heute noch zu großen Problemen führt. In der Laufgruppe ist das aber natürlich kein Problem. Der Trainer erzählt, er sei früher öfter in Europa Marathon gelaufen, seine Bestzeit sei 2:10. Heute werde er von einem Kenianischen Energiebetreiber gesponsert, der ihn für das Training bezahle. In der Gruppe ist noch ein weiterer aus der Gruppe der Kalenjin, ein anderer ist Turkana, eine Läuferin ist Luo, einer ist Kisii usw. Einer aus der Gruppe hat eine Marathonbestzeit von 2:15 und hatte auch schon ein Ticket nach Europa, was aber dann dubiosen Gründen irgendjemand anderem zugeschustert wurde. So "läuft" das in Kenia eben. Dieser Läufer heisst übrigens Steve, ist 27 Jahre alt, 1,96m groß, 69 kg schwer, Körperfett 5,3% habe ich selbst gemessen vor Ort. Steve ernährt seine Familie in Kenia durch Teilnahme an lokalen Läufen. Er hat ein paar Schuhe, irgendein Billigplastikfake. Steve hat mich von der Gruppe am meisten fasziniert, da er nach dem Laufen immer besonders fröhlich und freundlich war.
Übrigens hat nach dem Training außer mir keiner was getrunken, keiner hatte Wasser mit, nur so nebenbei.
Ok, nach dem Training wurde mir dann mein Privatquartier gezeigt, eine schöne Privatwohnung eines der Athleten. Ein Zimmer wurde für mich geräumt. Die Wohnung hatte Toilette, Wasser, Dusche, Elektrizität usw. Für Kenianische Verhältnisse sehr ordentlich.
Ich entschloss mich also, das Experiment zu wagen und zu bleiben und mir kein Hotel zu nehmen. Nach dem Training hatte ich sowieso nur das Bedurfniss zu ruhen und Wasser zu trinken. Danach gab es Githeri zu essen, eine Mischung aus Mais und Bohnen. Um ca. 20 Uhr bin ich eingeschlafen.
Am nächsten Morgen wurde ich um 5 Uhr 30 geweckt, es ging in die Berge mit dem Motorrad. Um 6 Uhr wurde der erste Berg erklommen, ca. 1 Kilometer Bergauf, dann runter und wieder rauf, insgesamt 10 mal, ich schaffte 2 Mal. Dann der nächste Berg, wieder das gleiche, ich schaffte es einmal. Um 12 Uhr waren wir wieder zu Hause, ich hatte noch nichts gegessen und getrunken.
An Essen war sowieso nicht zu denken. Getrunken habe ich bestimmt 3 Liter. Dann bin ich eingeschlafen. Um 16 wurde ich geweckt für das Training im Stadion. Ich habe tatsächlich 10 Runden geschafft. Um 18 Uhr war ich wieder in meinem Quartier, etwas Ugali gegessen, dann eingeschlafen. Nächsten Morgen um 5:30 Uhr ein Morgenlauf, ca. 15 Kilometer zum Viktoriasee, der Quelle des Nils, gemütliches Tempo, aber was ist bei diesen klimatischen Bedingungen schon gemütlich? Das Stadiontraining habe ich am Nachmittag ausfallen lassen. Auch in den nächsten Tagen habe ich nur noch einmal am Tag trainiert. Die Gruppe trainierte jeden Tag 2 Mal, manchmal sogar 3 mal, außer Sonntag, da war frei.
Einmal besuchten wir beim Training in den Bergen eine Schule. Der Rektor klagte mir sein Leid, alle seine Schüler wollten Läufer werden und vernachlässigten die Schule sehr. Alle stehen morgens um 5 Uhr 30 auf und laufen erstmal 2 bis 3 Stunden und schlafen dann in der Schule fast ein. Die Schüler waren sehr glücklich über meine Besuch. Abwechslung gibt es da oben in den Bergen kaum. Die meisten hatten keine richtigen Laufschuhe, manche laufen barfuß oder in Flipflops.
Einer der Schüler sei ein Bruder eines Weltrekordlers, den Namen habe ich leider vergessen, ich habe ihn auch noch nie gehört, ich kenne mich in der Laufszene auch nicht so gut aus.
Der Trainer gab sich auf jeden Fall richtig Mühe mit mir, mir alles zu zeigen und zu erklären, welche Hügel sie laufen und was das Geheimnis des Trainings sei. Wobei ich denke, dass er von der Theorie fast keine Ahnung hat. Das Training ist einfach hart und für Marathon erstaunlich viele Sprints oder schnelle Läufe bzw. Bergläufe. Kaum einer der Läufer hat eine Uhr, Pulsuhren habe ich gar keine gesehen. Nur der Trainer hatte eine Stoppuhr. Ich selbst hatte meinen Forerunner 305 dabei. Sowas hatte noch keiner gesehen. Naja, das Geheimnis ist wohl das harte Training und die extrem karge Kost, lokale vegetarische Gerichte und keine Versuchungen wie z.B. Fast Food oder auch nur Supermärkte in der Nähe und keine Unterhaltungsmöglichkeiten. In der Schule, die wir besuchten, gab es keine Strom, somit auch kein Fernsehen usw.
Ich bat den Trainer, nicht so viel Rücksicht auf mich zu nehmen und das Training nicht wegen mir zu vernachlässigen. Er jedoch sagte, dass meine Präsenz die Gruppe unglaublich motiviere.
Naja, so trainierte ich jeden Tag einmal. Entweder morgens einen Lauf oder Nachmittags im Stadion. Ich verspürte keine Hungergefühle mehr. Ich verlor jeden Tag etwa ein halbes Kilo, so dass ich nach 14 Tagen 7 Kilo leichter war.
Als ich 14 Tage später wieder in Deutschland war, konnte ich meinen persönlichen Rekord auf meiner normalen Laufstrecke von 42 Minuten auf 39 Minuten drücken. Das Laufen in Deutschland ist viel leichter. In Kenia läuft man immer irgendwie wie mit einem zusätzlichen Rucksack.
Ach ja, was ich auch nie verstand, dass die Läufer bei ihren Bergläufen immer mit Polyesthertrainingsanzügen liefen. Alleine beim Anblick hatte ich schon Schweißausbrüche. Ich lief natürlich in kurzer Hose. Und wie schon gesagt, sie hatten nie was zum Trinken dabei.
Es hat mir auf jeden Fall riesigen Spaß gemacht, mit dieser Gruppe zu trainieren. Jeder von diesen ist ein toller Läufer und auch Mensch. Keiner hat sich je bei mir über die miesen Trainingsbedingungen beklagt, sie kennen es auch nicht anders.
Ich habe in diesen 14 Tagen jeden Tag ca. 50 Euro bezahlt, dafür war alles, aber auch wirklich alles kostenlos, selbst, wenn wir mal in Kisumu was trinken waren zusammen. Und der Trainer sagte mir, dass mit diesem Geld den Läufern richtig geholfen ist und es toll wäre, wenn auch andere mzungus zu Besuch kämen und mit der Gruppe trainierten. Nicht nur wegen des Geldes, es wäre einfach eine Riesenmotivation.
Wer Lust auf so ein Training hat, dem kann ich gerne den Kontakt vermitteln. Selbstverständlich will ich daran nichts verdienen, wer mir eine Nachricht schickt, dem gebe ich die Telefonnumer, Email vor Ort.
Viele Grüße
Gerald