Hallo mein liebes Tagebuch

Nun hast Du mich auch gewonnen, hier meine Hochs und Tiefs und alles dazwischen festzuhalten. Daran sind aber auch die netten Leute hier mitschuld, die mich dazu ermutigt haben!

Hilfe, was machen wir beiden denn hier bloß? Erschrick bitte nicht vor den Zahlen. Es sind halt meine Zahlen, ja, sie sind anders, sie sind halt wie die von jedem anderen hier einzigartig.
Also, ich bin 44 Jahre alt, verheiratet und Vater von 2 Kindern. Und wie weit meine Füße mich getragen haben – das kann ich mit keiner Zahl belegen. Aber bis jetzt haben sie mich schon weit getragen. Fünf Kontinente weit. Dafür bin ich ihnen besonders dankbar. Gut, viel Gewicht hatten sie nie zu tragen. Bei 192 cm würden andere Füße viel mehr als 66 kg tragen. Aber so leicht bin ich nun mal. Irgend etwas hat Gott sich dabei sicher gedacht. Am Essen liegt es nicht, dass ich so leicht bin. Ich war ja schon immer so voll dünn. Ein Fast-Körperdoppelgänger sagte mal, „wenn ich mich seitwärts drehe, dann bin ich verschwunden…“ Das kann ich auch sagen. Nun bin ich hier. Und dreh mich nicht seitwärts.
Ich mag diese Geschichte von dem Deutschen, der aus Sibirien flieht. Die berührt mich persönlich – und die Tränen, die hinten im Kino flossen, die hat ja zum Glück keiner gesehen. Diese Geschichte hat etwas Gleichnishaftes. Ich bin nicht auf der Flucht. Aber manchmal schon. Ich lauf ja auch nicht weg. Aber manchmal schon. Ich habe Träume und manchmal denk ich, dass ich etwas tun kann, damit sich ein Traum erfüllt.
Sprinten kann ich nicht. Konnte ich noch nie. Aber beim 800 Meter Lauf war ich in der Schule immer der zweite. Ganz ohne Training. Langlauf lag mir wohl in den Genen.
Als meine Tochter 2005 beim Weserlauf hier in Nordenham mitmachte, da hab ich mir vorgenommen: nächstes Jahr machst du da auch mit – beim 5km Lauf. Gesagt, angemeldet im Frühjahr. Das war wie diese Geschichte mit dem Handschuh übern Zaun. Es gab kein Weg zurück. Vier Wochen vorher fing ich mit dem Lauftraining an. Puuhh… 4 km am Stück. Das war toootal anstrengend. Und dann eines Tages das erste Mal 5 km am Stück. Da wusste ich, wo meine Schmerzgrenze liegt.
Dann kam der WK. Und ich peste los wie ungebremst, wie einer, der den Zug schon aus dem Bahnhof rollen sieht. Und als ich als 4. nach 20:58m im Ziel war, da war ich ungläubig. So was sollte ein Christ zwar nicht sagen, aber war halt so. Ich weiß nicht, wie ich das geschafft hatte. Danach wollte ich weiter trainieren. Vielleicht würde ich dann ja nächstes Jahr ein paar Sekunden schneller. Aber ich hab nicht trainiert.
2007 war es ähnlich. Vier Wochen vor dem WK mit Training begonnen. Und dann wurde ich wieder 4. beim Weserlauf, diesmal mit 20:45m. Eine Wahnsinnszeit, dachte ich. Aber der 4. Platz ist doof! Eine Woche später war in der Nachbarstadt ein Wettkampf. Ich hab mich und meine Tochter spontan angemeldet. Es waren sehr viel mehr Läufer am Start zum 5km WK. Und ich hab mich einfach an jemanden rangehängt und ihn dann sogar noch kurz vorm Ziel überholt.
Zu dumm nur, dass ich mal wieder vor lauter Aufregung vergessen hatte, den Startknopf meiner Laufuhr zu drücken. Mist auch

Zu dumm auch, dass ich beim Zieleinlauf die riesige digitale Laufuhr gleich neben dem Ziel nicht gesehen habe

Also musste ich elend lange warten, bis die Ergebnislisten aushingen. Da stand dann neben meinem Namen eine 20:04.
Irgendwie war das so etwas wie eine Initialzündung. Danach trainierte ich weiter. Einfach weil ich gerne lief. Und weil ich neugierig war, ob noch mehr drin ist. Und nun lese ich mit großem Interesse die Geschichten und Erlebnisse anderer und freu mich, dass es auf der Welt noch ein paar andere gibt, die mich verstehen und auch Gefühle und Erlebnisse haben, die sonst niemand hat – na ja, fast niemand.