Laufen ist für mich einfach viel mehr als nur eine Tätigkeit, welche kontinuierlich ausgeübt wird, um ein Ziel zu erreichen. Noch hinzukommt, dass ich eher der ruhige, ein wenig introvertierte Typ bin. Ich habe nicht das Bedürfnis, mich in großem Ausmaß mitzuteilen. Ich rede, wenn ich was zu sagen habe, und bin selbst in Foren, wie hier, ein eher passiver Teilnehmer. Aber das Laufen hat in mir so viel bewegt und verändert, dass ich einfach den Drang habe, dies irgendwie von mir zu geben, kund zu tun – ich fühle mich wie ein Glas, das leer war, aber dann gefüllt wurde, nun voll ist, aber weiter gefüllt wird. Und irgendwo muss das Wasser ja hinlaufen – meins läuft eben hier rein.
Trainingsfortschritte, Pläne, Zeiten und Ergebnisse werden natürlich zu finden sein. Jedoch denke ich, dass das „bla bla“ drum herum, also der Tagebuchcharakter im eigentlichen Sinne, überwiegen wird. Sozusagen ein Lauftagebuch mit Trainingsfortschrittsbeilage. Dementsprechend werde ich hier auch einige Dinge niederschreiben, die sozusagen „off topic“ sind, wenn man es übergenau nimmt. Macht ja nix, da man so etwas hauptsächlich für sich selbst führt.
Da aber die Chance besteht, dass das auch mal ein anderer außer mir liest, gebe ich ein paar Randinfos zu meiner Person:
Name: Joe
Wohnhaft in: Karlsruhe (aber eigentlich aus dem Schwabenland)
Baujahr 1982
Job: jepp hab ich
Hobbys: Zocken, inzwischen Sport und mehr Zeit is eh nich
Die Zusammenfassung von meinen Laufanfängen bis jetzt:
Herbst 2009 – Ich laufe ich zügig Treppen in den ersten stock hinauf und bin völlig außer Atem. Tief atmend bemerke ich, dass meine Hose ein bisschen eng ist. Plötzlich bekomme das Gefühl, dass da was falsch läuft bei mir. Ich fühl mich innerlich noch wie mit 17, aber bin zu dick (92 kg bei 180) und schon Treppensteigen strengt mich an. Aber ich werde doch erst 27? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr entwickelt sich das zu einer Art „vorverlegte Midlifecrisis“. Es ist nicht, dass ich etwas ändern möchte. Es ist eher das zwingende Gefühl in mir, dass ich etwas tun MUSS – gegen mein Alter, meine Faulheit, mein leben gegen ALLES. Am nächsten Tag melde ich mich, fast panisch, in dem neuen Fitnessstudio an, das 250 m von meiner Wohnung in wenigen Wochen öffnen wird. Ich zahle den kompletten Jahresbeitrag im Voraus – erstens weil dann der Monatsbeitrag niedriger ist, zweitens, um Druck auf mich auszuüben.
Der erste Besuch dort ist gleich am Tag der Eröffnung. Ich lasse mich beraten, bekomme einen Trainingsplan und fühle mich wie ein Alien. Fremd, nicht meine Welt. Die ersten paar male fühle ich mich permanent unsicher und empfinde ein seltsames Gefühl der Scham. Ich will schon Jahre lang
abnehmen. Und in dem Rausch der Motivation, die das Gefühl „etwas zu tun“ in mir auslöst, beschließe ich auch mehr auf meine Ernährung zu achten, um abzunehmen.
Das Gerätetraining empfinde ich als dröge, die Ausdauereinheit zum Aufwärmen als Folter. Vielleicht quäle ich mich manchmal ganz gern. Anders kann ich mir nicht erklären, dass mir folgender Gedanke kam: „jetzt geh ich mal aufs Laufband, stell es so schnell ein, dass es mich enorm anstrengt und schau wie viel ich pack“ - nach 1,8 km bei 7 km/h bin ich fertig mit der Welt. Ich geh in die Umkleide, versuche, mehr aus Jux, mein T-Shirt auszuwringen – und es kommt tatsächlich ein tropfen schweiß heraus. Ich dachte ich spinne. Ich hasse laufen.
Ich bin konsequent. Esse weniger, anders, mache 6 Mal die Woche Sport. Ein Tag Krafttraining, am nächsten Ausdauer usw. Anfang November sehe ich Erfolge. 7 Kilo weniger, bisschen Muskeln hab ich bekommen und ich kann knappe 30 Minuten bei ca. 8,5 km/h laufen – ich hasse es jedoch noch immer und laufe nur, weil man pro Zeiteinheit die meisten Kalorien verheizt.
Dann kam der tag der Offenbarung. Ich bin auf der Karlsruher Mess’ (eine Kirmes/Kirbe) und gönne mir ne Wurst, Pommes und was Süßes. Wieder zu Hause plagt mich mein Gewissen. Ich rechne die ungefähren Kalorien der Esssünden zusammen, gehe ins Fitnessstudio und beschließe so lange auf den Ausdauergeräten rumzuzappeln, bis ich die Hälfte des Gegessenen in Schweiß umgewandelt habe. Irgendwie total bekloppt. Das „sich alt und scheiße fühlen“ aus einem Menschen, der vor 2 Monaten noch problemlos mehrere Tafeln Schoki an einem Tag vernichtet hat und noch mehr wollte, ein Freak wird, der Kalorien zählt. Auch heute entscheide ich mich fürs Laufband. Ich weiß nicht mehr wie lang ich lief, oder mit welcher Geschwindigkeit, aber das ist sowieso unbedeutend. Plötzlich, während dem größten Leiden, während mein Kopf fast platzt, ich keuche, schwitze, Schmerzen in den Hüften habe, sich die Beine nicht mehr anfühlen, als würde ich sie bewegen, sondern als täten sie das automatisch – plötzlich fühle ich mich irgendwie gut. Irgendwie ist es gut, was ich mache. Es macht Spaß. Ob es jetzt das Laufen an für sich war, der Gedanke, dass ich die Bratwurst besiegt hatte, oder das Leiden an für sich, was sich „irgendwie undefinierbar gut“ anfühlte, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich von diesem Moment die Laufeinheiten „ok“ finde. Was mich mehr stört als das Laufen an für sich, ist die Monotonie des Laufbands.
Irgendwann quäle ich dann Google mit Begriffen wie „Joggen, Laufen, Ausdauer“ und dergleichen. Meine Priorität war bisher „Muckis kriegen“. Von nun an ist „Ausdauerfähigkeit verbessern“ gleichwertig. Ich befolge die ergoogelten Ratschläge und erziele enorme Steigerungen. Ich stolpere im Netz über den Karlsruher Schlossparklauf -10 km. Ist in 3 Wochen. Ich denke darüber nach teilzunehmen – ein absurder Gedanke. Mein Verstand sagt Dinge wie „Ausdauersportler sind alle Sportfreaks, ich mach mich lächerlich, nach so kurzer Zeit ist es unmöglich, 10 km zu absolvieren ohne sich zu blamieren“ Dennoch melde ich mich an. Ich muss es tun, irgendetwas reizt mich daran. Ich trau mich erst nach einigen Tagen, meiner Freundin davon zu berichten, da sie mich für verrückt halten wird. Was sie dann auch tut – das geht mir jedoch nicht viel anders. „das ist schon in 3 Wochen, wie weit bist du bisher maximal gelaufen?“ Ähhh „so 6 km“ – ich frage mich, ob ich wahnsinnig bin – dennoch ich kaufe mir Laufschuhe, trainiere strukturierter auf diesen einen Tag hin.
Am 15. November dann, gehe ich in Begleitung meiner besseren Hälfte zum Lauf. Ich fühle mich wieder, als gehöre ich nicht hier her. Ich habe Angst, mich irgendwie zu blamieren. Aber die Atmosphäre die herrscht, gefällt mir dennoch. Ich peile als zeit 1:05 an, aber insgeheim hoffe ich, dass ich unter einer Stunde bleibe. Diese Hoffnung entbehrt jedoch jeglicher Grundlage, da ich bis zum Tag des Laufs nicht weiter als 8 km und nie dauerhaft schneller als 9,5 km/h gelaufen bin. Im Grunde geht es um nichts und dennoch kämpfe ich und peitsche mich voran. Ich merke, dass ich gegen Ende noch besser in Form bin als ich dachte, und steigere das Tempo soweit ich kann Die letzten 3 km sind ein einziger, durch puren Willen ermöglichter Kraftakt. Nassgeschwitzt, mit Seitenstechen, Knieschmerzen, und schnaufend wie ein Kettenraucher setze ich mich zu meiner, auf mich wartenden, Begleitung. Ich fühle mich körperlich so am Arsch wie fast noch nie – und weiß, dass ich wieder bei so etwas mitmachen möchte. Es kickt mich. Während der Arbeit, natürlich musste ich an dem Tag noch arbeiten, denke ich permanent an den Morgen. Nicht nur weil mir alles wehtut. Die sanfte Begeisterung ist an diesem Tag zu einer Faszination geworden. Als ich zuhause an den PC gehe, um meine Zeit einzusehen, wundere ich mich nicht schlecht – 56 Minuten. Unfassbar. Ich will mehr. Der Gedanke einen halben oder ganzen Marathon zu laufen keimt auf. Wieder sagt der Verstand „das geht nicht, träum nicht“, aber der Teil in mir der will, was nicht geht, gewinnt abermals. Ich informiere mich welche Halbmarathons im Frühjahr sind, und beschließe im nächsten Herbst den Baden-Marathon zu laufen – den ganzen. Wieder beschleicht mich dieses undefinierbare, janeinwahnsinnigschaffstduspinnerkeineahnungohmein gott-Gefühl.
So, ende des teils, der überwiegend aus Emo-Selbstfindungs-Geschwafel besteht.
28. März – Freiburg-Marathon.
Am tag davor muss ich mir noch eine Regenjacke kaufen, da ich es bisher gemieden habe im Regen zu laufen. Ich hatte mir vorgenommen, den ersten Halben gleich unter 2 Stunden zu schaffen. Aber ich habe viel zu wenig trainiert dazu. Oft genug – aber zu kurze Distanzen und zu schnell, im Nachhinein betrachtet. Mein längster Lauf war so, dachte ich, gerade einmal 15 km, das auch nur 1 Mal und es war sau anstrengend. Gott sei dank hab ich mich bei der Strecke verschätzt, einen Monat danach bin ich die Strecke mit meiner Garmin 405 gelaufen – und es waren nur knappe 12 km. Dieses Wissen hätte mich zweifeln lassen, ob ich die Distanz überhaupt schaffe. Meine Freundin versteht zwar noch nicht wirklich, was ich am Laufen finde – was ich als normal empfinde, da ich das selbst nicht nachvollziehen konnte, als ich noch nicht lief. Aber sie unterstützt mich und kommt immer mit. Es freut mich, dass sie sich so interessiert und sogar stolz auf mich ist. Die ersten 10 km sind die unendlich schwer. Ich weiß nicht warum, da ich ja eben erst los gelaufen bin. Den Gedanken, wie die zweite Hälfte wird, verdränge ich. Schlimmer geht eh nicht. Die 2:00 Pacemaker ziehen langsam aber sicher davon. Ich realisiere, dass ich die 2:00 nicht schaffe – aber es ärgert mich nicht wirklich, da ich damit ja schon gerechnet hatte. Ich schleppe mich Kilometer um Kilometer voran. Kurz vor der „Halbzeit“ geht es laaaaaaang bergauf. Ich hätte nicht erwartet, dass selbst so relativ geringe Steigungen so viel Kraft kosten. Meine Freundin, die mehrmals am Streckenrand steht und mir zuwinkt, gibt mit Kraft. Bei km 11 erwarte ich, dass meine Leistung den Bach runter geht. Das Gegenteil passiert. Es läuft sich leichter, ich fühle mich besser. Ich genieße die Stadt, die Bands, die ab und an spielen, klatsche in die Kinderhände, die einem ab und an entgegen gestreckt werden und fange endlich an das zu haben, was ich haben sollte – Spaß. Zum Ende hin versuche ich nochmals Gas zu geben, was sogar im Rahmen meiner Möglichkeiten gelingt. Resultat: 2:03 – irgendwie bin ich damit zufrieden. Ich nehme mit: Wettkampferfahrung, diverse Erkentnisse, 4 tage Muskelkater in den Schultern, warum auch immer dort, noch mehr Motivation.
Ich überlege, ob ich nach Trainingsplan laufen sollte, aber verwerfe das vorerst. Zwar habe ich die Motivation meine Leistung zu steigern. Was mich aber nach einem Arbeitstag noch die Laufschuhe schnürten lässt, ist einfach die pure Freude am Laufen an für sich. Ich kann abschalten, die Gedanken kreisen lassen, ich möchte es einfach tun, weil ich es tun möchte. Der Kompromiss für mich ist: gezielt einen langen Lauf in der Woche, einen kurzen schnelleren und der Rest wie ich halt Lust habe.
Ich frage mich manchmal, ob es noch mehr Leuten beim Laufen so geht wie mir. Vor allem bei langen langsameren Läufen, denke ich viel über alles Mögliche nach – oder manchmal eben auch überhaupt nicht. Wichtiges, Belangloses, Abwegiges, querbeet werden alle Thematiken und Gegebenheiten verwurstet. Ein greifbares Ergebnis habe ich danach nicht, was ja im Allgemeinen der Sinn des Nachdenkens ist. Aber ich fühle mich danach oft irgendwie „aufgeräumter“. Das tut gut. Meine Freundin fragte mich einmal, was ich denn so denke – ich konnte keine befriedigende Antwort geben. Wahrscheinlich, weil ich an alles und nichts denke.
Mitte April schlendere ich durch die Stadt und entdecke das Plakat für die „Badische Meile“ - ich hatte mich vor längerer Zeit dafür angemeldet, da die Plätze limitiert sind und ich bei dieser Kultveranstaltung gern teilnehmen wollte. Dumm nur, dass ich dass total vergessen habe. Glücklicherweise kann ich meinen Dienst ein bisschen herum schieben, so dass ich mitlaufen kann. Da ich das Training in letzter Zeit zwar noch immer ohne Trainingsplan, aber dennoch zielgerichteter betrieben habe, sehe ich die 8,8888 km als eine art Geschwindigkeitstest an, mit dem ich grob meine mögliche Zielzeit für den HM in Mannheim am nächsten Wochenende abschätzen kann. Trotz unerwartet warmen Temperaturen benötige ich für die Distanz 45 Minuten. Spaß hats gemacht, zufrieden mit meiner Leistung bin ich ebenfalls.
15. Mai – MLP Marathon Mannheim bzw. Engelhorn Sports Halbmarathon
Verglichen mit Freiburg ist diese Veranstaltung riesig. Zwar hat sich das Gefühl ein „Fremdkörper“ auf Veranstaltungen dieser Art zu sein, durch meine zunehmende Identifikation mit dem Laufsport, in ein Zugehörigkeitsgefühl gewandelt. Aber es ist immer noch ein bisschen ein komisches Gefühl für mich, Teil von so etwas zu sein. Ich mein, hey – da wird ne halbe Stadt gesperrt, tausende Leute fahren von überall her genau dort hin – und ich bin ein Teil davon. Irgendwie komisch. Falls sich doch jemand durch den Schwafelberg bis hier hin durchlesen sollte, muss sich diese arme Seele spätestens jetzt denken „man man. Was der da für ein Trara drum macht und Gedanken hat. Spinner“ - jedenfalls kommt mir dieser Gedanke ab und an.
Meine angestrebte Zeit ist ca. 1:50
Auf den Lauf hab ich mich nicht minutiös vorbereitet, aber besser als auf alle bisherigen. Ich habe meinen Trainingsumfang gesteigert, mindestens 3 Mal die Woche gelaufen – selbst wenn ich mal lieber daheim geblieben wäre, die langen Läufe ein bisschen länger, und die schnellen ein bisschen schneller gemacht und mich die letzten paar Tagen ein bisschen geschont und massig Müsli gefressen – was mir noch fast zum Verhängnis werden wollte. Ab km 8 wusste ich, warum Weißbrot als Frühstück am Wettkampftag empfohlen wird. Ich hatte Vollkornmüsli, welches doch sehr anregend auf die Digestion wirkt. Den Empfehlungen folgend bin ich die erste Hälfte langsam angegangen. Zu langsam, wie ich ca. bei km 11 feststellte. Ich fühlte mich noch als, wäre ich eben erst losgelaufen. Das tempo hab ich dann zwar drastisch erhöht (1,2 km/h schneller ist viel für mich) und zum Ende hin nochmals steigern können, aber die verlorenen Minuten der ersten 10 km waren nicht mehr komplett wettzumachen. Ich konnte sogar die letzten paar hundert Meter noch sprinten.
Im letzten drittel tat sich dann eine für mich neue Situation auf. Bisher bin ich alles am Rande meines Möglichen gelaufen. Zum Ende hin körperlich platt. Egal wie sehr ich gewollt hätte, ich hätte einfach nicht schneller gekonnt. Es war also das erste Mal, das ich körperlich genug Kraft hatte, dauerhaft eine Geschwindigkeit zu laufen, die ich als enorm anstrengend empfinde. Ich empfand es als einen Mix aus Qual, Willenskraft und kranker Faszination – Faszination über den totalen Sieg über mich selbst.
Der eigentliche Kampf war der gegen die Versuchung, doch die Toilette aufzusuchen.
Zeit: 1:51 – Wäre mehr drin gewesen, aber ich bin zufrieden.
Mitgenommen hab ich: Die Erfahrung der zweiten Hälfte, die Feststellung, dass man am Wettkampftag kein Vollkornmüsli isst, das man vergessen kann seine Energieriegel zu essen während des Laufs, die Erkenntnis, dass die Strecke in Freiburg wesentlich schöner ist.
Inzwischen hab ich mir 3 Bücher zum Thema Laufen geleistet. Zum einen waren sie interessant, und ich konnte einige nützliche Informationen darin finden.
Mein Training hat inzwischen ein festes Schema. 1 Mal Intervalle, 1 schneller Lauf, 1 langer Lauf, 1 Lauf wie es mir grad passt. Ich betreibe inzwischen auch Stretching und feile an meinem Laufstil. Sogar mein Gewicht ist inzwischen im „Läufer-Normbereich“ angelangt.